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Retreat - Zugang zum Inneren Weg

Artikel aus: YogaAktuell Nr. 3/2005, von Barbara Irmer

Ist Ihre Seele mal wieder urlaubsreif? Brauchen Sie Ferien vom Ego?

Dann ist die Abgeschiedenheit eines Retreats genau das Richtige für Sie.

Termine:
Oster- und Herbst-Retreats im Kloster Gerode unter Leitung von Daya Mullins

Spiritualität war in früherer Zeit entweder einem bestimmten Lebensabschnitt vorbehalten oder Menschen entschieden sich dafür, ihr ganzes Leben dem Göttlichen zu weihen. Im letzten Lebensabschnitt führten die Menschen (dies galt hauptsächlich für die Männer) in Indien traditionell ein Einsiedlerdasein. Allen gesellschaftlichen und familiären Verpflichtungen hatten sie zu diesem Zeitpunkt Genüge getan, sie verließen ihre Familie, ihr Hab und Gut und zogen in die Einsamkeit des Waldes. In dieser Lebensphase widmeten sie sich den höheren, den spirituellen Pflichten.

Dass unser Leben nach dem Ausscheiden aus dem Beruf überhaupt noch einen Sinn hat und wir sogar „höhere“ Pflichten haben, ist ein sehr schöner Gedanke. Dass es jedoch mit zunehmendem Alter darum geht, vom Weltlichen loszulassen und den Geist auf das Göttliche zu richten, scheint unserer Kultur weitgehend fremd geworden zu sein. Die meisten möchten nur eines: sicher und bequem leben, solange dies möglich ist, und möglichst wenig daran denken, dass jedes Leben einmal ein Ende hat und damit auch alle Sicherheit der materiellen Welt.

In der heutigen Zeit ist es – Gott sei Dank! – für Menschen in allen Altersstufen, aus vielfältigen Hintergründen und mit verschiedenen geistigen Ausrichtungen, möglich, dem spirituellen Kern in uns Nahrung und Aufmerksamkeit zu geben.

Wir führen ein sinnerfülltes Leben, wenn die Verbindung zur geistigen Welt immer wieder hergestellt wird. Viele Menschen halten aus diesem Bedürfnis heraus während des Alltags eine spirituelle Praxis, gleich welcher Form, aufrecht. Im Vergleich zu früheren Zeiten, während derer das geistige Monopol, auch für die Vorschriften der religiösen Praxis, bei der Kirche lag, ist heute jeder mehr auf sich gestellt und kann nach seinem Belieben entscheiden, ob, wie viel und was er praktiziert. Die Herausforderung besteht jedoch nicht nur im Halten der Disziplin, obwohl dies auch schon schwierig ist. Der Wunsch, der hinter einer spirituellen Praxis steht, ist der der Anbindung an das Göttliche (dies ist auch eine Bedeutung des Wortes „Yoga“). Ist es tatsächlich möglich, durch eine schlichte Übungspraxis die Bereiche des Körpers, des Herzens und Gehirns zu aktivieren, um fähig zu werden, mit dem „Nicht-Materiellen“ in Verbindung zu treten? Wo sind die Schaltstellen? Wie betätigt man die „Synapsen“, die uns mit der Wirklichkeit jenseits der Worte und Dinge verbinden?

Sie sind mit unseren Glücksgefühlen eng verbunden, werden durch diese Qualität von Frische, Überraschung, Spontaneität ganz unmittelbar „freigeschaltet“. Wodurch dies geschieht? In einem Moment der Selbstvergessenheit -  vielleicht durch die sanfte Brise des Windes, die während einer Meditation in der Natur unser Haar streift, durch den Marienkäfer, der uns über den Fußrücken krabbelt, durch die Farben des Sommers, die wir wie zum ersten Mal sehen, durch einen Menschen der unser Herz tief berührt... Hier finden wir Zugang zu anandamaya-kosha, der Glückseligkeitshülle, der feinsten stofflichen Ausdehnung unseres Körpers.


Die Verbindung zwischen den Welten kann ganzheitlich, das heißt auf allen Ebenen unseres Seins hergestellt werden, und die Fähigkeit der Wahrnehmung der subtilen Energien ist trainierbar und proportional abhängig von der Fähigkeit zur tiefsten Entspannung und zur höchsten Achtsamkeit. Das wissen wir durch die großen Vorbilder der Weisen und Heiligen aus den verschiedenen Traditionen und können es an den Früchten unserer eigenen Übungspraxis erkennen. Schon die alten Yogis kannten die Beschaffenheit des Geistes, die wir heute mit wissenschaftlichen Methoden der Hirnforschung scheinbar neu entdecken. Patanjali, ein weiser Yogi, sagte zum Beispiel, das abhyasa (das beständige Bemühen auf die rechte Art und Weise) und vairaghya (die Loslösung) in der Praxis des Yoga unabdingbar sind. Wir wissen heute, dass durch ständige Wiederholung und regelmäßiges Training im Gehirn neue Vernetzungen gebahnt und bestehende Verbindungen gefestigt werden - ein ähnlicher Vorgang wie beim Muskeltraining. Über solche Art von Vernetzung und Training können auch Bereiche des Gehirns aktiviert werden, die normalerweise fast brach liegen. Dies ist übrigens bis ins hohe Alter hinein möglich! Wussten Sie, dass hingegen der Intelligenzquotient nach vierzehntägigem „Erholungsurlaub“ am Strand rapide absinkt? Inzwischen ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Passivität von Körper, Geist und Gefühlen unserem System überhaupt nicht zuträglich ist. Stattdessen verkümmern unsere Fähigkeiten. Der Mythos vom Erholungswert des „Nichtstuns“ wird dadurch sehr in Frage gestellt.

Wie sieht jedoch ein „Urlaub“ aus, der die Seele und unsere drei „Gehirne“ wahrhaft nährt? Klöster und spirituelle Gemeinschaften geben darauf eine Antwort: „Ferien vom Ego“ werden möglich durch Förderung der körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten auf eine etwas andere Art. Es geht darum, sich nicht in der Horizontalen, das heißt in der materiellen Welt zu verlieren, sondern sich auf allen Ebenen an das Göttliche anzubinden und die Ausrichtung in der Vertikalen immer wieder neu zu finden. Praktisch tätig sein, ohne nach den Früchten der Taten zu schauen, bedeutet schlicht: meditatives Tun. Sich mit Menschen auszutauschen über körperliche Berührung und Begegnungen auf der Wesensebene, ohne Hintergedanken, ohne Nutzen, geschieht, wenn wir unser Herz öffnen.  Dann entsteht der Wunsch, über Wesentliches zu sprechen, den Blickwinkel zu erweitern, die Schau auf das ganze Dasein und den Sinn des Lebens zu lenken - dies inspiriert unseren Geist und bringt unsere wahren Fähigkeiten zum Leuchten. 

Kinder sind noch mit dem göttlichen Bewusstsein verbunden. Wie kommt es, dass Erwachsene diese Fähigkeit verlieren? Sind sie wirklich vom Göttlichen getrennt? Im Yoga spricht man davon, dass die Menschen in avidya (der Illusion der Trennung) leben. Im Innersten, vielleicht in der kindlichen Seele unserer selbst, sind wir in Wahrheit Eins. Sind wir dessen gewahr? Machen wir von den tief liegenden Gehirnbahnen, die uns diese Botschaft vermitteln könnten, Gebrauch? Wir sind meist mit anderen Dingen beschäftigt, die unsere gesamte Kapazität scheinbar völlig gefangen nehmen. Der Teil unserer selbst, der über unser Herz mit der Schöpfung verbunden ist, kommt dadurch zu kurz.

An einem Retreat (engl. zurücktreten, zurückziehen) teilzunehmen, ist eine moderne Form des Eintauchens in die spirituelle Praxis. Viele Menschen nutzen dies als einen Weg, der aus der Gefangenheit in der Alltagsroutine – ob in der Familie oder im Beruf – herausführt. Sie fühlen sich leer, ausgebrannt, abgeschnitten und suchen erneut Anbindung an die göttliche Kraft. Und tatsächlich ist ein Retreat in einem geschützten Rahmen dafür in besonderer Weise geeignet, denn der Geist braucht eine Weile, um ruhiger zu werden. Am besten gelingt uns dies in der Gemeinschaft mit gleich gesinnten Menschen, in geschützter, ruhiger, angenehmer Atmosphäre und unter klarer Anleitung, durch eine spirituelle Begleitung und Unterstützung. So kann nach einiger Zeit die äußere Welt in den Hintergrund treten, und unser eigenes Wesen zum Vorschein kommen.

Nicht selten sind die Träume während solcher Zeiten intensiv und wegweisend. Auch die Gedanken über uns selbst und unser Leben können von einer ganz anderen Qualität sein, als wir dies sonst kennen. Etwas Neues kann entstehen. In uns können Entscheidungen reifen, die von innen her getragen sind, sei es, dass ein Entwicklungsprozess zum Abschluss gekommen ist oder dass ein neuer Impuls zur weiteren Entwicklung entsteht. Es ist, als ob wir uns der Führung durch unser Wesen, unsere Seele anvertrauen können, weil wir auf ihre Stimme hören. Dies gibt uns wahre Sicherheit und Vertrauen in das Leben.